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Erfahrungsberichte

Herr S., heute 55 Jahre alt:

"Ich konnte mir gar nicht vorstellen, an einer Depression zu erkranken."

Schwarz-Weiß-Foto eines älteren Mannes, der seinen Kopf mit einer Hand stützt.

"Im Alter von 32 Jahren war ich ein sehr aktiver Mensch. Ich ging in den Sportverein, spielte Fußball und hatte viele Freunde. Meine Ausbildung zum kaufmännischen Angestellten hatte ich abgeschlossen und ich war in einem mittelständischen Unternehmen tätig.

Keine Frage: Ich war ein attraktiver Mann. Seit sechs Jahren führte ich eine glückliche Ehe, unsere ältere Tochter war bereits 5 Jahre alt, der Jüngste 2 Jahre.

Mit dem Einschlafen fing es an

Im Winter änderte sich jedoch die Situation. Ein Gefühl der Unruhe bemächtigte sich meiner, als ob ich ständig unter Strom stünde. Ich konnte nicht richtig einschlafen und wachte trotzdem fast jeden Tag um vier Uhr in der Früh auf – schweißgebadet, voller Gedanken. Wieder einschlafen ging einfach nicht mehr, morgens fühlte ich mich wie gerädert.

Die Kraft fehlt

Morgens aus dem Bett herauskommen? Eigentlich bin ich ein passionierter Frühaufsteher, aber in dieser Zeit hatte ich absolut keine Kraft dazu, so gerne ich es getan hätte. Überhaupt fielen mir selbst die alltäglichsten Dinge schwer. Mit Freunden essen gehen? Fehlanzeige. Fußball spielen? Heute nicht, vielleicht morgen. Einen Ausflug mit der Familie? Zu müde. Ganz zu schweigen von den "ehelichen Pflichten".

Löcher in der Decke

Die Arbeit im Büro macht mir eigentlich viel Spaß, vor allem in meinen Spezialgebieten Einkauf und Logistik. Ich sitze gerne vor dem PC, kalkuliere und prüfe Angebote und Rechnungen. Als kaufmännischer Angestellter gehören lange Zahlenreihen zu meinem Alltag.

Doch damals machte mir auch noch meine Arbeit zu schaffen. Es bereitete mir zunehmend Schwierigkeiten, mich auf meine Zahlen und die Gespräche mit meinen Kollegen zu konzentrieren. Für Tätigkeiten, die ich vorher in wenigen Minuten mit links erledigte, brauchte ich plötzlich Stunden – wenn ich sie überhaupt erledigen konnte. Ich stierte Löcher in die Decke, kam nicht voran, wurde immer nervöser und grübelte vor mich. Schließlich nahm mich eines Tages mein Chef zur Seite und fragte mich, was mit mir los sei. Ich wusste es nicht.

Ich kapselte mich allmählich ein

Ähnlich erging es mir zu Hause. So richtig freuen konnte ich mich über nichts mehr. Meine ältere Tochter - der Clown der Familie – brachte alle zum Lachen, nur ich saß in der Ecke und konnte mich gar nicht freuen. Mit dem Schlaf hatte ich immer mehr Probleme. Ich grübelte stundenlang, manchmal kam mir sogar der Gedanke, ob das alles überhaupt noch Sinn macht.

Noch dazu litt meine Familie zusehends unter meinem Zustand. Meine Nervosität nahm zu, auf Fragen antwortete ich unwirsch und abweisend. Am Familienleben nahm ich immer weniger teil, ich zog mich hinter eine Fassade meiner selbst zurück.

Es ging nicht mehr

Etwa vier Wochen nachdem ich eine Änderung meines Befindens bemerkt hatte, ging ich zum Arzt. Nicht zuletzt auf Druck meiner Ehefrau, die meinte, es stimmte etwas nicht mit mir. Außerdem hatte mir mein Chef nahe gelegt, mich bei einem Arzt untersuchen zu lassen. Ich sei bei der Arbeit nicht mehr tragbar.

Diagnose: Depression

Als ich es dann endlich in Begleitung eines guten Freundes schaffte, war die Diagnose bald klar: Mein Hausarzt hatte den Verdacht, dass bei mir eine Depression vorliegen könnte - ein Verdacht, den der Nervenarzt dann bestätigte. Ich hatte mir bis dahin gar nicht vorstellen können, jemals an einer Depression zu erkranken.
Heute weiß ich, dass ein solcher Zustand auch ein Ende haben kann."